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Dorsale und ventrale Ströme: ein Rahmen für das Verständnis von Aspekten der funktionellen Anatomie der Sprache

Trotz intensiver Arbeit an den Beziehungen zwischen Sprache und Gehirn und einer ziemlich beeindruckenden Ansammlung von Wissen in den letzten Jahrzehnten gab es nur wenige Fortschritte bei der Entwicklung groß angelegter Modelle der funktionellen Anatomie der Sprache, die neuropsychologische, bildgebende und psycholinguistische Daten integrieren. Gestützt auf relativ neue Entwicklungen in der kortikalen Organisation des Sehens und auf Daten aus einer Vielzahl von Quellen schlagen wir einen neuen Rahmen für das Verständnis von Aspekten der funktionellen Anatomie der Sprache vor, der hier Abhilfe schaffen soll. Dieser Rahmen geht davon aus, dass frühe kortikale Stadien der Sprachwahrnehmung auditorische Felder im Gyrus temporalis superior beidseitig (wenn auch asymmetrisch) einbeziehen. Dieses kortikale Verarbeitungssystem teilt sich dann in zwei breite Verarbeitungsströme auf, einen ventralen Strom, der für die Zuordnung von Klang zu Bedeutung zuständig ist, und einen dorsalen Strom, der für die Zuordnung von Klang zu artikulatorischen Repräsentationen zuständig ist. Der ventrale Strom projiziert ventro-lateral zum inferioren posterioren temporalen Kortex (posteriorer mittlerer temporaler Gyrus), der als Schnittstelle zwischen lautbasierten Repräsentationen von Sprache im superioren temporalen Gyrus (wiederum bilateral) und weit verteilten konzeptuellen Repräsentationen dient. Der dorsale Strom projiziert nach dorso-posterior unter Einbeziehung einer Region in der posterioren Sylvian-Spalte an der parietal-temporalen Grenze (Area Spt) und projiziert schließlich in frontale Regionen. Dieses Netzwerk bietet einen Mechanismus für die Entwicklung und Aufrechterhaltung der „Parität“ zwischen auditiven und motorischen Repräsentationen von Sprache. Obwohl der vorgeschlagene dorsale Strom eine sehr enge Verbindung zwischen den an der Sprachwahrnehmung und der Sprachproduktion beteiligten Prozessen darstellt, scheint er unter normalen (ökologisch natürlichen) Hörbedingungen, d. h. wenn der Spracheingang auf eine konzeptuelle Repräsentation abgebildet wird, keine entscheidende Komponente des Sprachwahrnehmungsprozesses zu sein. Wir vermuten auch ein gewisses Maß an Bidirektionalität sowohl in den dorsalen als auch in den ventralen Bahnen. Wir diskutieren einige neuere empirische Tests dieses Rahmens, die eine Reihe von Methoden verwenden. Wir zeigen auch, wie eine Schädigung verschiedener Komponenten dieses Rahmens die wichtigsten Symptomgruppen der fließenden Aphasien erklären kann, und erörtern einige neuere Erkenntnisse darüber, wie die Verarbeitung auf Satzebene in den Rahmen integriert werden könnte.

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